Ganz anders
09.06.26 von Lars Milde | 5 Min
Wer drei Tage bei einer Schachmeisterschaft verbringt, erlebt viel Schach. Das ist wenig überraschend. Was man aber oft vergisst: Die schönsten Erinnerungen haben häufig gar nichts mit den Partien auf den Brettern zu tun.
Die Pokalmannschaftsmeisterschaft der Spielgemeinschaft Bremen–Niedersachsen in Stuhr war für mich genauso ein Wochenende.
Natürlich standen die sportlichen Ergebnisse im Mittelpunkt. Unsere erste Mannschaft qualifizierte sich als Vizemeister für die Deutsche Pokalmannschaftsmeisterschaft, die zweite Mannschaft erreichte einen hervorragenden neunten Platz in einem starken Teilnehmerfeld. Doch wenn ich heute, wenige Stunden nach Turnierende, auf die vergangenen drei Tage zurückblicke, denke ich zuerst an etwas anderes.
Ich denke an Menschen.
An die Helferinnen und Helfer des TuS Varrel.
Wer einmal selbst ein größeres Schachturnier organisiert hat, weiß, wie viel Arbeit hinter einer solchen Veranstaltung steckt. Spielmaterial muss aufgebaut werden, Tische und Stühle müssen bereitstehen, Technik muss funktionieren, Verpflegung organisiert werden, Fragen beantwortet und Probleme gelöst werden. Und das nicht einmal, sondern drei Tage lang von morgens bis abends.
Was die Gastgeber des TuS Varrel an diesem Wochenende geleistet haben, war beeindruckend. Egal ob beim Catering, beim Auf- und Abbau oder bei den vielen kleinen Dingen, die niemand bemerkt, solange sie funktionieren – das Team um Heiko Fischer, Uwe Rademacher, Uwe Lange, Bennet Salzmann und Stefan Menke hatte alles im Griff. Dabei entstand nie der Eindruck von Hektik. Im Gegenteil: Die Teilnehmer wurden freundlich empfangen, bestens versorgt und konnten sich ganz auf das Schach konzentrieren.
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Zu den Menschen, ohne die ein solches Turnier nicht funktionieren würde, gehörte auch Turnierleiter Lukas Monnerjahn. Wer morgens als Erster den Turniersaal betritt und ihn abends als Letzter wieder verlässt, hat meist einen langen Arbeitstag hinter sich. Drei Tage lang koordinierte Lukas mit großer Ruhe und Professionalität den gesamten Turnierablauf, löste kleinere und größere Probleme oft schon, bevor sie überhaupt sichtbar wurden, und sorgte dafür, dass die Veranstaltung jederzeit, wie aus einem Guss wirkte.
Eine weitere Schlüsselfigur war Jens Kardoeus. Während die meisten Zuschauer nur die fertigen Liveübertragungen wahrnahmen, steckte dahinter ein enormer technischer Aufwand. Jens kümmerte sich um den Auf- und Abbau der 16 digitalen Bretter und sorgte dafür, dass Schachfreunde die Spitzenpartien des Turniers weltweit live verfolgen konnten. Gerade weil alles reibungslos funktionierte, gerät leicht in Vergessenheit, wie viel Arbeit hinter einer solchen Übertragung steckt. Völlig zurecht bekam Jens vor der Siegerehrung ein Geschenk von Bernd Laubsch vom NSV.
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Und dann war da noch Dr. Oliver Höpfner. Als Vorsitzender der Schachabteilung des SV Werder Bremen und zugleich Präsident des Landesschachbundes Bremen war er während des gesamten Wochenendes nicht nur offizieller Repräsentant, sondern auch Ansprechpartner, Netzwerker, Gastgeber und Gesprächspartner für die zahlreichen Funktionäre, Spieler und Gäste. Während andere Partien spielten oder organisierten, schaffte Oliver etwas, das mindestens genauso wichtig ist: Menschen zusammenzubringen. Wer mit Verantwortlichen des Niedersächsischen Schachverbandes, Vereinsvertretern oder Gästen sprach, kam an ihm kaum vorbei. Er war das verbindende Element zwischen Gastgebern, Verbänden und Teilnehmern.
Mindestens genauso bemerkenswert war für mich die Atmosphäre innerhalb der beiden Werder-Mannschaften.
Auf den ersten Blick hätte man meinen können, dass dort zwei völlig unterschiedliche Teams unterwegs sind. Hier die erste Mannschaft mit ihren internationalen Titelträgern, dort die junge Nachwuchsmannschaft mit Spielern, die noch ganz am Anfang ihrer Entwicklung stehen.
Doch wer etwas genauer hinschaute, bemerkte schnell, dass beide Mannschaften viel mehr verbindet als trennt.
Da war diese faszinierende Mischung aus Ernsthaftigkeit und Lockerheit.
Wenn die Uhren liefen, wurde hochkonzentriert gearbeitet. Varianten wurden berechnet, Endspiele analysiert und jede Partie mit größter Aufmerksamkeit gespielt. Doch kaum waren die Partien beendet, wurde gelacht, diskutiert und gemeinsam analysiert. Die Spieler fieberten nicht nur mit ihren eigenen Partien mit, sondern auch mit denen ihrer Mannschaftskameraden.
Vor allem aber war etwas spürbar, das man nicht organisieren oder verordnen kann: echte Freundschaft.
Man sah es in den Gesprächen zwischen den Runden, beim gemeinsamen Essen, bei den Analysen und bei den vielen kleinen Momenten zwischendurch. Trainer David Lobzhanidze hat in den vergangenen Jahren nicht nur starke Schachspieler entwickelt. Er hat eine Gemeinschaft geformt, in der Zusammenhalt, gegenseitige Unterstützung und Freude am gemeinsamen Spiel selbstverständlich geworden sind.
Gerade deshalb war der Erfolg der zweiten Mannschaft für mich eine der schönsten Geschichten dieses Wochenendes. Nach der schwierigen Auftaktrunde ließ sich niemand entmutigen. Stattdessen kämpfte das Team weiter, gewann drei Mannschaftskämpfe und spielte sich bis auf den neunten Platz nach vorne. Das Ergebnis war beeindruckend – die Art und Weise, wie es zustande kam, vielleicht sogar noch mehr.
Aber auch die erste Mannschaft beeindruckte auf ihre ganz eigene Weise. Da sitzen Internationale Meister und FIDE-Meister am Brett, Spieler mit jahrzehntelanger Erfahrung und großen Erfolgen. Trotzdem war keine Spur von Arroganz oder Distanz zu erkennen. Stattdessen wurden die Nachwuchsspieler unterstützt, Partien analysiert und Erfahrungen geteilt. Wer das Wochenende miterlebt hat, konnte sehen, dass der Erfolg von Werder nicht nur auf spielerischer Stärke beruht, sondern auch auf einem außergewöhnlichen Mannschaftsgeist.
Und dann ist da noch die andere Seite solcher Veranstaltungen.
Während die Spieler längst auf der Heimfahrt waren oder den Abend mit ihren Familien verbrachten, begann für einige die Nacharbeit.
Berichte schreiben. Fotos sortieren. Ergebnisse kontrollieren. Tabellen aktualisieren.
Und natürlich: Partien eingeben.
Während ich diese Zeilen schreibe, warten noch weit über 200 Partien darauf, in ChessBase übertragen und archiviert zu werden. Eine Arbeit, die vermutlich deutlich länger dauern wird als das eigentliche Turnier. Aber auch das gehört dazu.
Denn am Ende sind es genau diese vielen kleinen Puzzleteile, die dafür sorgen, dass ein Turnier nicht einfach nur gespielt, sondern auch dokumentiert und in Erinnerung behalten wird.
Drei Tage Schach. Drei Tage Arbeit. Drei Tage voller Begegnungen.
Drei Tage, an denen man wieder einmal feststellen konnte, dass die Menschen hinter dem Schach oft genauso interessant sind wie die Partien auf den Brettern.
Und deshalb bleibt von diesem Wochenende vor allem ein Gedanke:
Schach ist eben viel mehr als das, was auf den 64 Feldern passiert.
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