„Mut entsteht, wenn wir uns zeigen“

MARCEL FRIEDERICH ÜBER VIELFALT, STÄRKE UND ZUSAMMENHALT.

06.04.26 von Tineke Ruchel | 8 Min

Ein Mann mit Brille und blauem Anzug steht mit verschränkten Armen lächelnd vor einer mit Graffiti übersäten Backsteinmauer.
Foto: Thorsten Kahle

Marcel Friederich hat sein Anderssein zur Stärke gemacht – und gibt diesen Mut heute an andere weiter. Im Interview mit WERDER.DE spricht der Journalist, Keynote Speaker und Autor über bewegende Begegnungen rund um sein Buch „Mutmacher-Menschen“, seinen langen Weg zu mehr Selbstwert und Vielfalt im Profifußball. Seine Botschaft: Nur wer sich zeigt, kann Fesseln lösen und neue Stärke entwickeln.

WERDER.DE: Moin Marcel! Du warst mit deinem Buch „Mutmacher-Menschen“ erst vor kurzem auf der Leipziger Buchmesse. Welche Begegnungen sind dir besonders in Erinnerung geblieben?

Marcel Friederich: Ein Besucher hat mir erzählt, dass er sich in einem Hospiz engagiert, älteren Menschen Zeit schenkt und ihnen Bücher vorliest. Und dann hat er gesagt, dass er mein Buch den Menschen in seinem Hospiz daraus vorliest, denn die sind eigentlich total mutlos und können da viel Ermutigendes draus ziehen. Das fand ich verrückt und schön.

WERDER.DE: Sind das auch Momente, die dich dazu motivieren, weiterzumachen?

Marcel Friederich: Hundert Prozent. Sie zeigen mir, wie wichtig es ist, Gesprächsräume zu schaffen und Menschen zu vermitteln, dass es okay ist über Dinge zu sprechen, die man vielleicht sonst eher verheimlichen würde. Ich habe lange Zeit versucht, meine Behinderung, mein schräges Lachen zu verstecken. Erst als ich darüber gesprochen habe, habe ich gemerkt, dass sich meine Fesseln lösen und ich ein ganz anderer Mensch bin – viel selbstzufriedener, viel mutiger. Es tut gut, über diese Dinge zu sprechen. Jetzt möchte ich anderen Menschen helfen, die ihre individuellen Fesseln vielleicht noch nicht gelöst haben.

WERDER.DE: Du beschreibst dein Anders-Sein als deine persönliche Superkraft. Wie schwer war der Weg dahin, deine „frühere Schwäche“ zur Superkraft zu machen und welcher Prozess steckt dahinter?

Marcel Friederich: Der Prozess war sehr lang, weil ich ganz lange gedacht habe, dass ich mit meiner Behinderung, die man mir auch ansieht, weniger wert bin. Ich dachte deshalb: Ich muss fleißiger sein als andere und mehr arbeiten, um Wertschätzung zu erhalten. Das hat mich angetrieben, meinen Weg im Sportjournalismus zu gehen. Ich bin auch froh und dankbar, wieviel wundervolle Momente ich auf dem Weg erleben, wie viele Menschen ich treffen und Sportlerinnen und Sportler ich interviewen durfte.  Aber seitdem ich über mein Leben mit körperlicher Behinderung spreche, merke ich, dass ich selbst bin. Eben Marcel in all seinen Facetten, nicht mehr nur Marcel der Sportreporter und der Medienexperte.

Zwei Männer sitzen in einem Konferenzraum und unterhalten sich, während sie von professionellen Kameras gefilmt werden. Auf dem Tisch stehen eine Wasserflasche und Notizbücher.
Für sein Buch "Mutmacher-Menschen" sprach Friederich unter anderem mit Thomas Hitzelsberger (Foto: Rollt.Agentur).

WERDER.DE: Und wie schaffst du es jetzt, anderen Menschen Mut zu machen?

Marcel Friederich: Durch Möglichkeiten, sich mit dem Thema im Positiven zu beschäftigen. Durch sehr viel Social Media Arbeit, wo es um das Thema Ermutigung geht. Besonders auch durch mein Buch und Crossmedia-Projekt „Mutmacher-Menschen“, in dem ganz unterschiedliche Menschen verraten, wie sie es selbst geschafft haben, große Schicksalsschläge zu überwinden und Mut zu gewinnen. Darüber spreche ich auch in Vorträgen, in MUTMACHER-Abendveranstaltungen oder in Workshops an Schulen oder Unternehmen, bei denen ich mit Kindern genauso wie mit Führungskräften arbeite, weil uns das Thema alle angeht. Das erfüllt mich gerade sehr.

WERDER.DE: Neben deiner eigenen Geschichte stellst du in deinem Buch viele verschiedene Menschen und Perspektiven vor. Gibt es eine Geschichte, die dich besonders berührt hat?

Marcel Friederich: Aus sportlicher Sicht die Geschichte von Thomas Hitzlsperger. Sie hat mir gezeigt, dass es sichtbare und nicht sichtbare Themen und Lasten gibt, die jeder Mensch mit sich trägt. Mein eigenes Thema ist sichtbar – es steht mir ins Gesicht geschrieben. Die Homosexualität von Thomas Hitzlsperger hingegen war lange Zeit nicht sichtbar. Nach außen wirkte bei ihm alles in Ordnung, innerlich sah es ganz anders aus. Genau das zeigt, dass wir nach außen eine perfekte Fassade haben können, während es in unserem Inneren brodeln kann. Die Begegnung mit Thomas Hitzlsperger war für mich deshalb sehr prägend, weil sie mir gezeigt hat: Wir alle haben unsere Themen – sichtbar oder unsichtbar.

WERDER.DE: Gab es auch schon Momente, in denen du gezweifelt hast, ob dieser MUTMACHER-Weg funktioniert?

Marcel Friederich: Ich frage mich regelmäßig, bin ich wirkungsvoll in meinen Aktivitäten. Gleichzeitig erhalte ich jeden Tag positive Rückmeldungen – sei es per E-Mail, über Social Media oder bei Veranstaltungen, bei denen mir Menschen erzählen, wie sehr meine Arbeit ihnen hilft. Das ist für mich das wichtigste Zeichen dafür, dass meine Arbeit ankommt. Es zeigt mir, wie groß der Bedarf in einer Welt ist, in der immer mehr Menschen mit ihrem Alltag überfordert sind. Einen Beitrag dazu zu leisten, Menschen zu stärken, sie zu ermutigen und damit auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern, ist für mich das größte Glück. Trotzdem ist es wichtig, sich immer wieder selbst zu hinterfragen und zu überlegen, wie ich meine Wirkung noch weiter verbessern kann,

Books titled "Mutmacher-Menschen" on a display, featuring various portraits on the cover against a pink background.
"Inklusion kann etwas ganz einfaches sein", sagt Friederich - und versucht, diese positive Grundeinstellung mit seinen MUTMACHER-Veranstaltungen an andere Menschen weiterzugeben.

WERDER.DE: Du kennst das Profifußballumfeld gut – was machen Werder und andere Vereine aus deiner Sicht schon gut, um Vielfalt sichtbar zu machen?

Marcel Friederich: Viele denken bei Inklusion an etwas Kompliziertes, etwas Schweres – dabei kann es ganz einfach sein, wie euer Vielfaltstrikot zeigt. Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen werden sichtbar, und die Botschaft ist klar: Jeder gehört dazu – ob „scheinbar normal“, im Rollstuhl oder mit Down-Syndrom. Für mich ist das gelebte Normalität. Auch die klare Botschaft „Wir sind Vielfalt“ auf dem Trikot ist stark. In einer Zeit voller Informationen sind einfache, verständliche Zeichen besonders wichtig: Wir stehen für Vielfalt, und jeder Mensch bringt seine Einzigartigkeit mit. Im Fußball kommen im Stadion viele unterschiedliche Menschen zusammen. Umso wichtiger ist es, diese Bühne zu nutzen, um klare gesellschaftliche Zeichen zu setzen. Es ist beeindruckend, wie konsequent Werder sich seit Jahren dafür engagiert.

WERDER.DE: Trotzdem: Was wünscht du dir von Fußballvereinen, um das Thema noch sichtbarer zu machen?

Marcel Friederich: Wichtig ist, dass Inklusion als gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen verstanden wird – nicht nur im Kontext von Menschen mit Behinderung. Der Fußball in Deutschland bietet dafür gute Voraussetzungen, etwa durch vergleichsweise günstige Tickets und die Möglichkeit, dass viele Menschen am Stadionerlebnis teilhaben können. Auch hinter den Kulissen passiert viel, zum Beispiel durch Fanprojekte und soziales Engagement der Vereine. Was mir manchmal fehlt, ist die stärkere Sichtbarkeit und Wertschätzung dieser positiven Arbeit. Mein Wunsch wäre daher, noch mehr Öffentlichkeitsarbeit für all die wichtigen Projekte zu machen, die es bereits gibt – damit das gesellschaftliche Engagement des Fußballs noch stärker wahrgenommen wird.

WERDER.DE: Wenn du eine Botschaft an alle Fußball- oder Werderfans richten könntest, welche wäre das?

Marcel Friederich:Wir sind Vielfalt“ ist eine so wichtige Botschaft, die für uns alle ein ständiger Reminder sein sollte. Wir leben ganz selbstverständlich in einer vielfältigen Gesellschaft – und genau das ist etwas Schönes. Es ist bereichernd, wenn Menschen mit ihren ganz eigenen Einzigartigkeiten zusammenkommen. Dafür sollten wir ein gegenseitiges Verständnis entwickeln und einander respektvoll und wertschätzend begegnen. Gerade im Fußball wird das besonders sichtbar: Wenn am Spieltag Menschen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen im Stadion zusammenkommen, gemeinsam feiern, lachen und Tore bejubeln, dann zeigt sich, wie schön Gemeinschaft sein kann – im Verein, im Fußball und in unserer Gesellschaft.

WERDER.DE: Steht bei dir demnächst persönlich ein größeres Ziel an? Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Marcel Friederich: In diesem Jahr steht die Gründung unseres Vereins MUTMACHER-Pioniere an. Damit wollen wir noch stärker zum Community-Building beitragen und regelmäßig Workshops an Schulen anbieten, um das Thema Perspektivwechsel zu fördern. Dazu gehen wir zum Beispiel mit Rollstühlen in die Schulen, spielen Rollstuhl-Basketball und machen erlebbar, dass auch im Schulalltag Vielfalt gelebt wird. Es ist mir wichtig, dass Menschen sich in andere Lebensrealitäten hineinversetzen – denn genau das schafft Verständnis und stärkt den Zusammenhalt.

WERDER.DE: Danke für das Gespräch und alles Gute!

Über Marcel Friederich:

Marcel Friederich lebt seit seiner Geburt mit dem Möbius-Syndrom und hat sein Anderssein im Laufe seines Lebens zu seiner persönlichen Stärke entwickelt. Als Journalist war er unter anderem für Sport Bild, RB Leipzig sowie die DFL Deutsche Fußball Liga tätig und prägte als Chefredakteur das Basketball-Magazin BIG. Dabei sammelte er vielfältige Erfahrungen im Profifußball und Spitzensport. Heute ist er als Keynote Speaker, Coach und Autor aktiv und hat mit dem MUTMACHER-Weg eine Initiative gegründet, mit der er Menschen ermutigt, über ihre eigenen Grenzen hinauszuwachsen, Perspektiven zu wechseln und Selbstwert zu entwickeln. Mit seiner Arbeit möchte er dazu beitragen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und für mehr Offenheit, Respekt und Verständnis zu sorgen.

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